Arms

PROLOG – Aldrians Zeugung

 

„Aaaah!“ Mit einem kaum unterdrückten Aufschrei fiel Hagen zurück auf das Lager. Märeth rollte vorsichtig von ihm herunter. Die Wunde an seiner rechten Seite war wieder aufgebrochen. Von der Mitte aus färbte ein zunehmend größer werdender Blutfleck die Bandagen.
Rasch erhob sich die junge Frau und holte Wasser, Moospolster und frische Binden. Während sie den Verband erneuerte, gingen ihr die Ereignisse der letzten Tage durch den Kopf.
Der prächtige Einzug der Niflungen in die Burg Susat und die freundliche Begrüßung durch König Attalo. Die emsigen Vorbereitungen für das Festmahl, die zunehmende Nervosität bei den Gästen und dazwischen die Königin, Grimhild, die ruhelos und auffallend bleich ständig auf Irung, Osid und andere Männer einredete. Danach das Gastmahl, das so fröhlich begann und in einem Blutbad enden sollte. Als Jungherr Aldrian von seiner Mutter direkt zu Hagen lief und ihm mit der Faust ins Gesicht schlug. Und wie Hagen daraufhin aufsprang, den Knaben mit der einen Hand an seinem Schopf festhielt und…

Märeth senkte den Kopf und versteckte die Tränen hinter ihren Haaren, während sie weiter die Wunde wusch. Die Erinnerung an den irren Gesichtsausdruck Grimhilds, ihr Weinen und Lachen, als sie die blutigen Hände an ihrem weißen Kleid abzuwischen versuchte – diese Erinnerung würde sie wohl ihr Leben lang verfolgen.
Damit begann ein zweitägiges Gemetzel, wie es Susat noch nicht erlebt hatte. In der Steingasse hinter dem gemauerten Burggarten floss das Blut buchstäblich in Strömen bergab. Der Blutgeruch hing nach wie vor über der Burg und der Nachhall der Schreie und das Klirren der Waffen klangen Märeth noch in den Ohren.
Am Ende waren alle Niflungen tot – alle bis auf einen: Hagen. Der lag jetzt schwer verletzt vor ihr auf dem Bett und die Schwertwunde an seiner rechten Flanke hörte nicht auf zu bluten!

Es war am Abend des zweiten Kampftages, als kein Gefechtslärm mehr in die Kammer drang, in die Märeth sich mit anderen Frauen geflüchtet hatte. Plötzlich hörten sie Schritte vor der Tür, es klopfte und Didrik, ihr Oheim, betrat den Raum. Er war erschöpft, bleich im Gesicht, gezeichnet von seinen Wunden und sein Gewand war zerschlissen und blutgetränkt.
„Märeth“, sagte er, „du verstehst doch etwas von Wundpflege. Ich brauche deine Hilfe!“ Ohne zu zögern, stand sie auf und folgte ihm. Auf dem Weg fragte sie:
„Seid ihr arg verletzt, Oheim?“ Didrik erwiderte ihr:
„Danke, dass du dich um mich sorgst, Märeth, aber es gilt nicht meine Wunden zu pflegen.“ Er blieb stehen, nahm sie bei der Hand und sah ihr fest in die Augen. „Du kennst Hagen?“ Sie nickte. „Er ist todwund“, fuhr der Oheim fort. „Wir waren Freunde fürs Leben und nur dieser leidige Zwist hat uns zu Feinden gemacht. Ich habe ihn in einem ehrenhaften Kampf niedergerungen. Aber jetzt ist er so stark verwundet – ich fürchte, er wird nicht mehr aufkommen.“
„Nun, ich will sehen, was ich für ihn tun kann“, erwiderte sie.
„Hagen hat einen letzten Wunsch geäußert“, fuhr Didrik fort. „Er will einer Frau beiliegen, bevor er stirbt, um sein Vermächtnis zu hinterlassen. Das ist sein gutes Recht, auch wenn sich dieses gegen meinen Herrn, Attalo, richtet. Also eilen wir“, sagte er und nahm seine Schritte wieder auf, „denn ich muss noch sehen, dass ich eine Frau finde, welche bereit ist, mit ihm die Nacht zu verbringen.“
Märeth hielt einen Augenblick inne, als sie dies hörte. Didrik blieb ebenfalls stehen und wandte sich zu ihr um.
„Was ist? Warum zögerst du?“
„Ihr braucht nicht weiter zu suchen“, antwortete sie ihm. „Ich werde die Nacht bei ihm bleiben. So kann ich ihm auch helfen, wenn er meine heilkundige Hand benötigt.“
„Märeth, du hast mich nicht verstanden. Er will eine Frau zum Beischlaf, um einen Bluträcher zu zeugen.“
„Doch, das ist mir bewusst, Oheim Didrik.“
„Aber Hagen war es auch, der deinen Vater erschlagen hat, wie du ja vielleicht schon erfahren hast!“ Didrik rang nach Fassung, da er sich die Beweggründe der jungen Frau nicht erklären konnte.
Abermals zögerte Märeth kurz, dann schüttelte sie abwehrend den Kopf.
„Ein Bote hat mir das tatsächlich schon zugetragen. Jedoch hat er in ehrlichem Kampf gesiegt. Da gibt es nichts, was ich ihm vorwerfen müsste.“ Märeth hatte ihre Schritte wiederaufgenommen und Didrik folgte ihr.
„Aber eine Bedingung habe ich, Oheim“, fügte sie hinzu, an der Tür zur Kammer, in der Hagen lag, noch einmal innehaltend. „Ihr dürft niemandem auch nur ein Wort davon sagen. Das müsst ihr mir schwören. Wenn ihr damit einverstanden seid, werde ich heute Nacht mit Hagen das Lager teilen.“
„Wenn ihr darauf besteht: einen Eid auf mein Stillschweigen“ entgegnete ihr Didrik. Unvermittelt hatte er von der gewöhnlichen Anrede der deutlich Jüngeren zur ehrenvollen Bezeichnung gewechselt, als hätte er eine hohe Frau vor sich. Märeths Beweggründe blieben ihm allerdings ein Rätsel. Doch der Blick der jungen Frau hielt ihn davon ab, weiter in sie zu dringen.

Sie war achtzehn Jahre alt. Seit sie vierzehn Lenze zählte, wollte man sie immer wieder einem Mann zum Weib geben, wogegen sie sich stets heftig zur Wehr zu setzen verstand. Zweimal hatte ihr Vater, Irung, der Gefolgsmann der Königin, einen Brautlauf arrangiert und musste dann zerknirscht den Brautpreis zurückzahlen, weil seine Tochter ausgerissen war und sich in Susats umliegenden Wäldern versteckt hielt. Dort fand sie Unterschlupf bei einer alleinlebenden kundigen Frau, Dankrun mit Namen, welche Märeth ihr Wissen weitergab. So befasste sie sich schon mehrere Jahre mit dem Erlernen von Kräuter- und Heilkunde und gab nichts auf das Gerede ihrer Umgebung, dass sie sich für keinen Mann gut genug sei. Und so kam Märeth unter die Vormundschaft Didriks, denn nachdem er das zweite Mal den Brautpreis zurückzahlen musste, sagte Irung sich von seiner Tochter los.
Märeth wusste, was dieses Vermächtnis, von dem Didrik gesprochen hatte, bedeutete. Der Blutrache einen Weg zu ebnen, war ein heiliger Akt. Es gab für einen Mann nichts Schlimmeres, als ungerächt zur Todesgöttin Hel zu fahren. Wenn sie ihm einen Bluträcher schenkte, könnte sie ihm seinen Frieden geben und gleichzeitig ihr Heil mehren. Aber Hagens Beweggründe allein waren nicht ausschlaggebend, dass sie sich dazu bereit erklärte. Was Didrik nicht wusste: Sie selbst wollte einen Rächer zeugen.


Ende der Leseprobe.
Neugierig geworden? Das Buch ist überall im Buchhandel erhältlich; als eBook online oder im Geschäft als Taschenbuch.